Das ist KEIN Narzissmus!

Narzisstische Partner und Narzissmus in Beziehung sind seit Jahren ein Beratungsschwerpunkt in meiner Praxis. Das Netz ist mittlerweile voll von Informationen rund um das Thema – und die Auswirkungen sind deutlich merkbar. Geschätzt die Hälfte aller Beratungsanfragen drehen sich um die Frage – ist mein/e Ex ein Narzisst?

Und ja, ganz ehrlich – ich verstehe den Wunsch, besser zu verstehen, was passiert ist. Ich erlebe jedoch immer mehr, dass eigentlich ganz normale (wenn auch durchaus schmerzhafte!!!) Verhaltensweisen als toxisch interpretiert werden. Und das zum Teil in einer sehr drastischen Art und Weise. Solltest du noch wenig über das Thema wissen, kannst du hier die Merkmale einer toxischen Beziehung und narzisstische Beziehungen nachlesen.

Ist das schon Narzissmus? Ein Beispiel:

Mann lernt Frau kennen, sie flirten und es beginnt eine Annäherung. Nach einigen Wochen merkt sie, dass er sich nicht mehr so oft meldet und oft mehrere Tage vergehen. Schließlich spricht sie es an und er sagt offen, dass er keine Beziehung will und „alles doch so weiterlaufen kann“ – wenn sie das will. Sie ist zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich verliebt und enttäuscht. Dennoch trifft sie den Mann weiter, der – aus meiner Sicht – ganz klare Zeichen für einen Mann zeigt, der einfach nicht MEHR, keine Beziehung, will. Sagt ihm aber nicht, dass sie eigentlich verliebt ist und mehr will. Weil sie – auch nachvollziehbar – Angst davor hat, verletzt zu werden. Gleichzeitig hofft sie, dass er seine Gefühle für sie doch noch entdeckt. Ein Klassiker! Insgesamt resultiert daraus aber eine totale Schieflage zwischen den beiden, die sich auch wirklich schlecht anfühlt. Sie sagt offiziell, dass sie einverstanden ist – beginnt aber unbewusst immer wieder zu sticheln und zu drängeln. Und der Mann? Fühlt sich entsprechend ungerechtfertigt bedrängt und fängt an, ihr Verhalten abzuwehren und auch mal zu fragen, was soll das Ganze? Was hast du denn schon wieder? Bis er sie irgendwann gar nicht mehr kontaktiert.

Bis hierher könnte man sagen, „schade, dass es so gelaufen ist.“

Was jetzt aber passiert ist folgendes: Die Frau bucht mich und schildert mir diese Entwicklung mit den Worten, dass sein tagelanges Schweigen zwischen den Treffen doch ganz eindeutig ein „silent treatment“ wäre und das ist ja schon mal ein deutliches Indiz dafür, dass er ein Narzisst ist! Und dass er ihr dann mit Sätzen wie „Was hast du denn schon wieder“ begegnet, sei doch auch typisch für Gaslighting. Und wenn er dann schließlich sagt, dass er keinen Bock auf Kontakt habe, wenn sie sich so benähme, dann werte er sie ab und das sei auch ganz eindeutig.

Das ist kein Narzissmus!

Die große Enttäuschung ist dann manchmal wenn ich sagen muss – sorry. Aus meiner Sicht schilderst du gerade jemanden, der ganz typisches Verhalten zeigt – für einen Mensch, der eine Affäre, etwas Lockeres, eine F+ haben will. Das tut auch weh, das fühlt sich auch toxisch an – ist es aber nicht. Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass er/sie nicht doch auch verstärkt narzisstische Züge hat – bitte vergiss nie, dass wir ALLE narzisstische Züge haben! Ich kann es aber einschätzen im Vergleich zu den wirklich eindeutigen Erlebnissen meiner Klienten und Klientinnen. Nach mittlerweile weit über 300 Beratungen allein zu diesem Thema ergibt sich einfach ein anderer Wissensschatz.

Mein Ansatz – immer zuerst das Naheliegende und Wahrscheinlichere prüfen. Kann das Verhalten nicht auch ohne einer Persönlichkeitsstörung, dafür aber aus den Rahmenbedingungen der Situation heraus erklärt werden?

Dr. Google hilft dir bei Narzissmus ähnlich weiter wie bei Krebs.

Bevor man dem/der Ex ein Krankheitsbild unterstellt, ist aus meiner Sicht immer zuerst das Naheliegendste zu prüfen. Missverständnisse? Schlechte oder nicht ganz ehrliche Kommunikation? Unterschiedliche Erwartungen an das Kennenlernen bzw die Beziehung?

Wie kann er / sie mich nicht wollen?

Ich verstehe natürlich, wie es dazu kommt: Erstens – Es tut weh! Etwas bzw jemand nicht zu *bekommen, den man aber gern hätte, ist immer schmerzhaft. Jemand der sich gegen eine Beziehung mit dir entscheidet, verursacht eine narzisstische Kränkung bei DIR. Dein Ego ist verletzt. Und so eine Situation kann sich schon mal giftig anfühlen! Das bedeutet aber nicht, dass dein/e Ex auch wirklich toxisch (im Sinne der Literatur) ist!

Zweitens: In der Psychologie kennt man den Begriff des Primings. Er besagt vereinfacht dargestellt, dass die Themen, mit denen du dich gerade intensiv beschäftigst, auch deine Sicht auf die Dinge prägt. Sprich – je mehr du über das Thema Narzissmus schon mal gehört, gesehen oder gelesen hast, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass du alles was (mit dir) geschieht mit dieser „Brille“ siehst und auch so interpretierst. Und weil das Thema mittlerweile überall einfach breitgetreten wird, ist der Fokus und die Brille darauf viel stärker. Das verbreitete Wissen über Narzissmus und das eigene schlechte Gefühl zusammen – bingo!

Wenn er/sie nicht narzisstisch ist – was jetzt?

Ich habe über das Thema Co-Narzissmus ja schon mal geschrieben:

Ich erlebe immer wieder, dass hier Unmengen an Zeit und Energie investiert wird in die mögliche Diagnose der/des Ex. Aber wozu eigentlich? Wäre der Andere – egal ob Mann oder Frau – narzisstisch geprägt, dann könnte man das leichter verarbeiten. „Dann hat es nichts mit mir zu tun, dann hab ich ja nichts falsch gemacht, weil dann hat er/sie nicht anders können.“ – sagte letztens ein Klient zu mir. Ich merke ja auch die große Erleichterung, wenn ich dann auch den Eindruck bestätige, dass der/die Ex narzisstische Züge haben könnte. Es ist wie eine Absolution! Und die Enttäuschung, wenn ich es anders sehe.

Der Versuch, den/die Ex als narzisstisch, toxisch usw einzuordnen ähnelt manchmal einem Schutzmechanismus, um die eigene Kränkung nicht so an an sich heranzulassen. Motto: Oh, na wenn er/sie Narzisst ist, dann hat das Ganze ja nichts mit mir zu tun!

So einfach ist der Rückschluss aber nicht!

Hat es aber. Nicht weil dir ganz viele Menschen da draußen unterstellen wollen, dass es immer an dir liegt, wenn du solche Menschen in deinem Leben hast. Bitte – das ist mir GANZ wichtig! Ich sage es immer wieder – es ist keine Schande, auf einen narzisstischen Partner „reinzufallen“, sich zu verlieben! Im Gegenteil, dass ist ja genau der Sinn und Zweck der Sache. Wenn es sich bei ihm/ihr wirklich um einen toxischen Partner/in handelt, dann bist du auf einen Meister getroffen! Sollte es dir allerdings öfters passieren, dann (siehe oben zum Thema Co-Narzissmus), würde ich mir dringend externe Unterstützung holen – schreib mir gern!

Wieso hat es dann aber trotzdem etwas mit dir zu tun?

Weil es dein Schmerz, deine Enttäuschung, dein Kummer ist. Bitte sei dir darüber im Klaren – Narzissmus ist eine echte Persönlichkeitsstörung, die als Krankheitsbild gilt. Der Versuch, deine/n Ex dort einzuordnen ist genauso wie eine Krebsdiagnose zu stellen. Ja es kann sein, dass dein/e Ex wirklich narzisstisch schon in dieser Ausprägung hatte – aber selbst wenn – na und? Der Versuch hier den Anderen zu „diagnostizieren“ bringt dich mit deiner ganzen Aufmerksamkeit WEG von dir. Deine ganze Energie ist nur bei ihm/ihr ! Und ganz weit weg von dir. Dort sollte aber deine Aufmerksamkeit wirklich sein, denn dort wird sie gebraucht. Gerne unterstütze ich dich dabei in meiner Kennenlernstunde!

Ganz viel Herz & Mut,

Sabine

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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Faszinierend!
    Ich komme gerade aus einer Bziehung mit einer Frau, die 1:1 wie in dem video war!! Mache egrade die hölle durch, und bin auch draufgekommen, das ich nach ihr süchtig bin, und schaffe es kaum! Sie meldet sich zwar nicht, aber ich idiot mach weiterhin fehler und schicke kleine geschenke!!

    Antworten

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