Anna Demel hat mich vor Wochen zufällig (woran ich ja grundsätzlich nie glaube ,-) danke Anna!) auf einen Vortrag von Brené Brown hingewiesen. Brené hat 10 Jahre lang Verletzlichkeit, Schamgefühl, Authentizität und Courage studiert und einige tolle Bücher und Vorträge dazu verfasst. Nun: wenn ihr so wie ich in den 70ern groß geworden seid, fällt euch zu dem Wort „Courage“ vielleicht auch sofort der ängstliche Löwe aus dem Zauberer von Oz ein, der vom großen Zauberer unbedingt Mut bekommen wollte. Tatsächlich wird Courage oft mit Mut gleichgesetzt.

Der eigentliche Wortstamm von Courage kommt von dem lateinischen Wort „cor“ und nach Brené Brown hatte das Wort demnach ursprünglich eine andere Bedeutung: Courage originally meant to speak one’s mind by telling all one’s heart.

Ich habe keine schöne Übersetzung für diesen Satz gefunden. „Jemanden seine Gedanken von und mit ganzem Herzen zu sagen“ klingt irgendwie sehr holprig und lässt die Sprachjongliererin in mir eher aufjaulen als vor Freude sprühen. Jedenfalls erzählte ich Anna von der ersten Situation und meiner Entscheidung, aus diesem Schlamassel auszusteigen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Kontakt zu John bereits abgebrochen und hatte auch nicht vor, ihn wieder aufzunehmen. Anna war aber anderer Meinung: Wenn er dir wichtig ist, dann solltest du ihn nicht so einfach ziehen lassen?

Ich gebe zu, es hat eine Nacht lang in mir gearbeitet und ich war der festen Meinung, nein – das tu ich mir sicher nicht an. Aber am nächsten Morgen war alles anders. Trotz Sonntag war ich um 6h morgens schon wach und wußte, es ist Zeit, einen Schritt zu machen. Mir war bewusst geworden: nach all den Enttäuschungen, missglückten Anläufen und auch gebrochenen Herzen hatte ich mir ganz schöne Panzer zugelegt – von denen ich noch am Vorabend nicht mal wußte, dass ich sie habe. Ich konnte diese Verhärtungen regelrecht um meinen Brustkorb spüren und es war einfach Zeit, diese Krusten aufzubrechen und los zu werden. Und der einzige Weg dazu war es, mir selbst einzugestehen, dass ich mich in John verliebt hatte und mit ihm zusammen sein wollte. Und ihm das auch zu sagen.

Und das hab ich gemacht. Puh, ich kann euch sagen, einfach war das nicht. Ich hab den ganzen Tag überlegt, was sag ich, wie nehm ich den Kontakt wieder auf. Dann hinfahren und mich offen hinsetzen, nicht doch kneifen und dann ehrlich sagen, was ich mir denke. Ich hab mich sehr verletzlich gefühlt. Und auch sehr ehrlich und befreit.

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich das Wort „courage“ besser übersetzen könnte und habe schließlich mein Wort dafür gefunden:

HERZMUT

Nun, ihr wisst ja bereits wie die Geschichte ausgegangen ist. Herzmut ist keine Garantie dafür, dass alles sich so entwickelt, wie man sich das wünscht. Sich zu öffnen, verletzlich zu sein, sich selbst zu zeigen scheint mir aber der einzig ehrliche Weg durchs Leben und die Liebe zu sein. Es ist so leicht, sich zu verschließen, es gibt wirklich genug Anlässe dafür. Bei jedem kleinen Schnitt ein bisschen eine dickere Haut zulegen, kann doch nicht so verkehrt sein? Irgendwann ist es nicht mehr eine dickere Haut, sondern eine Schutzmauer, die niemand mehr durchbrechen kann. Dahinter ist man zwar sicher, aber auch einsam. Nach dem Aufbrechen meiner Panzer war ich tagelang selbst ganz verwundert, wie leicht ich mich gefühlt habe. Verletzlich, ja stimmt. Und trotzdem viel mehr ich. Wenn wir wollen, dass die Menschen uns lieben, müssen wir uns auch zeigen – ganz.

Manche Kollegen meinten, ich sollte nicht so persönlich schreiben, mich nicht so „outen“ – das könnte mein „Image“ als professionelle coachin stören. Es stimmt, es hat mich auch einiges an Überwindung gekostet. Und ich meine:

practice what you preach. Auch das ist eine Form von Herzmut.

9 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Ich spüre gerne mein Herz, ob es nun himmelhoch jauchzt und vor Freude fast zerspringt oder wenn ich ganz viel Herzmut und Herzweh spüre. Hauptsache ich spüre es unter all den Narben und Kratzern die es schon hat!

Ich schätze und achte deine Zeilen und Gedanken gerade weil du dich öffnest und verletzlich zeigst. Wie sollte ich auch einen Coach ernst nehmen der mir vorspielt niemals Zweifel und Ängste gehabt zu haben, wie sollte der mich dann wirklich verstehen?

Danke für das teilen deines Herzmutes!

Liebe Grüße
Elisabeth
aus dem sonnigen Süden der Steiermark 🙂

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Ein chinesischer Philosoph hat mal gesagt: „Ein Arzt, der nie krank ist, ist kein Arzt.“

Und: ein Coach ist nur dann gut, wenn sie die Hierarchie zwischen Hilfesuchendem und Ratgebenden bricht und es schafft, auf der selben Ebene, von Mensch zu Mensch zu kommunizieren. Coaching Techniken sind gut, aber ohne Offenheit hat alles wenig Wert.

Und zum Mut: Das mit dem Panzer und dem Erlernen von Offenheit kommt mir von irgendwoher bekannt vor. Mir hat vor einem Jahr ein befreundeter Psychotherapeut folgendes gesagt: „Ich hatte grad ein Aha-Erlebnis, ich hab den Sinn des Lebens entdeckt und du bist jetzt der erste, dem ich es erzähle. Es ist nur ein Wort: Intimität.“
Das hat voll getroffen und wurde zum magischen Wort für mich. An diesem Wort konnte ich die vergangenen Begegnungen und jetzt auch alle gegenwärtigen messen.
Offenheit ist der Weg zu Intimität. Intimität ist meine Währung des Lebens. Und sich öffnen ist die Arbeit, mit der ich das erarbeite.

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Vulnerability is the only way to connection. Vulnerability is the also the key to large love. Hats off to your beautiful, wonderful, connecting and loving vulnerability – I salute your courage and your truth.

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zwei meiner persönlichen Erkenntnisse:
1) erst wer an-greifbar ist, ist auch be-greifbar 🙂
2) verletzen lässt man sich, aus eigener Entscheidung, nicht weil andere etwas (nicht) tun – und bitte nicht verwechseln mit Enttäuschung

Lieber couragiert ausgesprochen mit Herzklopfen, als geschwiegen mit innerem Unmut. Zumindest für all das, was es mir wert ist. Der Rest kratzt mich eh nicht 😉

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ich finde, dass , gerade wenn man jede Faser seines Herzens spürt – wenn man jeden Riss so deutlich fühlt – (selbst wenn man es nicht sieht), gerade dann ist man empfänglich dafür, was es Gutes gibt. Ganz egal, wo das auch ist. Jede kleinste Kleinigkeit wird dann zu etwas ganz besonderem..

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Gabriele Fraisl
16. April 2016 14:23

Dem kann ich nur ein Zitat hinzufügen, das ich mit meiner eigenen Handschrift in (m)einen Lieblings Ring eingravieren lies: „Courage to be imperfect!“
Auch ich arbeite am liebsten aus dem Gefühl meiner Lebenserfahrungen heraus und zeige mich meinen Klientinnen und Klienten so WIE ich in diesem Moment bin. Das wurde immer sehr gut angenommen und die Menschen mit denen ich arbeite schätzen am meisten meine Offenheit und Bodenständigkeit und vor allem mein Menschsein mit allen Facetten.
Glg Grüße G. F.

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    hallo gabriele!

    ja der mut zum unperfekten kann schon ein leitsatz werden! 🙂 ich denke auch, dass es ganz wichtig ist, einfach so zu sein wie man ist. egal ob in der liebe oder im beruf: unser gegenüber kann ja nur reagieren auf das was da ist. und da ist offenheit (mir zumindest) 10x lieber als ein verstelltes-ich. zwischen verstellen und zurücknehmen ist für mich noch ein feiner unterschied. sich einfach nicht zu zeigen ist ja auch eine form von anpassen. hinauszugehen und mit stolz und liebe zu sich selbst sagen zu können: SO bin ich – das ist die übung für mich und zwar in jeder lebens- und liebeslage 😉

    Antworten

„HERZMUT“
Wenn wir wollen, dass die Menschen uns lieben, müssen wir uns auch zeigen – ganz.
Ein schöner Satz, eine tolle Erkenntbis.
Ein Mensch in meinem Leben, der genau/ leider das nicht kann.
Nur in kleinen Schritten fängt er an sich zu öffnen, obwohl er weiß „dass ich genau die bin, die zu ihm passt“.
Das zu sagen, war wohl schon ein großer Schritt für ihn.

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