Nachbars Landkarte

Kennst du dieses unbestimmte Gefühl, wenn du eine Wohnung betrittst und sofort weißt: das ist DIE Wohnung? Hell und freundlich, die Luft ist frisch, der Schnitt ist praktisch und da zu sein fühlt sich einfach gut an? 2005 hatte ich das Glück, genau so eine Wohnung für mich zu finden.

Aus meiner früheren Altbauwohnung war ich es gewöhnt, Musik spielen zu können – und zwar laut. ;-) Während dem Einziehen in mein neues Heim hörte ich also wie gewohnt – genau so lang, bis die Nachbarin an der Tür stand und sich über den Lärm beschwerte. Sie war um die 70, alleinstehend und wohnte direkt unter mir. Ich liebte meine neue Wohnung, wollte keinen Streß und versprach, ab sofort rücksichtsvoller zu sein.

Fortan hörte ich nur mehr leise Musik – und dennoch. Meine Nachbarin beschwerte sich immer wieder über die Lärmbelästigung. Ich war schon recht verwundert, ob die Wände tatsächlich so hellhörig waren? Komisch wurde das Ganze erstmals, als sie anklopfte und ich gar keine Musik laufen hatte. Oder sich aufregte über die gestrige Nacht und ich gar nicht zu Hause übernachtet hatte. Irgendwann erklärte sie mir, dass ich mir auch ein neues Gerät hätte, das die ganze Nacht klicken und ihr den Schlaf rauben würde. „Wissen Sie, ich hab mein Schlafzimmer ja unter Ihrem Wohnzimmer, da hör ich doch alles.“

Mit der Zeit wurde die Situation richtig unangenehm. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Wenn ich an ihrer Tür vorbeiging, beeilte ich mich. Auf der Straße versuchten wir beide, auszuweichen. Wir grüßten uns nicht mehr. Manchmal hörte ich, wie sie mir hinten nach motzte oder sich bei Nachbarn über die unfassbare Lärmbelästigung von mir beschwerte. Ich konnte ihre Phantomgeräusche nicht nachvollziehen und fühlte mich nur noch belästigt. Sie umgekehrt fühlte sich nicht ernst genommen, sie sei doch nicht verrückt und würde sich das einbilden! Irgendwann antwortete ich nur mehr, sie solle doch die Polizei rufen und knallte die Tür zu.

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2008 fand ich meine nächste tolle Wohnung und während dem Packen stand dann plötzlich tatsächlich die Polizei da. Als sie sahen, dass ich ohnehin ausziehen würde, gingen die Beamten zurück zur Nachbarin, die furchtbar zu toben begann, warum denn nichts unternommen werde. Als ich in dieser Nacht heimkam, wurde die alte Frau gerade mit der Rettung abgeholt. Trotz aller Streitigkeiten (oder gerade deswegen?) fühlte mich irgendwie betroffen. Sie kam auch nicht mehr zurück und einige Tage dachte ich wirklich „Meine Güte, sie hat sich so aufgeregt, dass sie der Schlag getroffen hat!“

 

Ja, so kann Drama auch seinen Lauf nehmen.
Ich erzähle diese Geschichte gern in Seminaren, wenn zB um unsere Landkarten geht. Im NLP ist damit die Idee gemeint, dass wir die Realität nicht objektiv wahrnehmen, sondern immer aufgrund unserer Erfahrungen, Einstellungen, Glaubenssätze usw durch unsere „eigene Brille“ sehen. Jeder Mensch baut sich seine eigene Landkarte der Welt und sieht sie anders.

Die Idee mit der Landkarte fasziniert mich immer wieder. Das Konzept ist sehr leicht zu verstehen – und auch die Stolpersteine daran schnell erfasst: Wir glauben schon mal gerne, dass unser Sicht der Dinge die einzig richtige ist. Hier ist es dann hilfreich, sich an solche Geschichten zu erinnern – und zu fragen, wie wohl die Landkarte unseres Gegenübers aussieht?

Vor kurzem erzählte mir mein Nachmieter, dass die alte Frau damals nur einen Kreislaufkollaps hatte, daraufhin jedoch in ein Heim gezogen sei. Die Wohnung stand vorübergehend leer und er hatte sie besichtigt. Sie hatte ein Zimmer mehr als meine Wohnung und zog sich ins Nachbarhaus.

Wir hatten offenbar all die Jahre völlig umsonst gestritten. Ich war leise und wurde tatsächlich zu Unrecht beschuldigt. Sie war auch nicht verrückt, denn sie hatte tatsächlich Geräusche gehört, die aber nicht von mir, sondern aus der Wohnung des Nebengebäudes stammten. Wir hatten beide jeweils angenommen, dass unsere Wohnungen gleich geschnitten wären. Wir waren beide auf unserer Landkarte geblieben und hatten sie nicht miteinander abgestimmt.

Eine einfache Frage wie zB: „Zeigen Sie mir doch mal, wo Sie das hören?“ – das Verlassen meiner und Betreten ihrer Landkarte (Wohnung) – hätte gereicht um zu erkennen, dass wir beide recht hatten, obwohl das völlig unmöglich erschien. ;-)

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Sven Sevens
4. Juli 2018 19:46

Sorry, aber warum hast Du die Dame nicht auf einen Kaffee, einen Wein, ein Essen eingeladen? Dann hätte sie Dich sicher auch mal zu sich gebeten, wenn sie Geräusche hörte – und alles hätte sich aufgelöst.
LG Sven

Antworten

    hi,
    ehrlich gesagt habe ich das mehrfach getan – sie hat es immer verweigert mit der aussage, sie wisse ja wie meine wohnung ausschaut und dass ihr schlafzimmer unter meinem wohnzimmer sei. ich habe ihr auch angeboten, dass ich zu ihr komme und sie mir unten zeigt, wo sie es hört – auch das wollte sie nicht. und genau das war ja das problem – der fehlende wille, die landkarte des anderen mal genauer zu betrachten 😉 lg sabine

    Antworten

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